Berlin, September 2020

Nach Corona: Schulbildung neu orientieren – jetzt diskutieren!                                                    

Derzeitige Überlegungen in den Berliner Regierungsparteien, das Schulgesetz zu ändern, kommen m.E. zu früh. Zunächst sollte eine gründliche Debatte über eine zukunftsfähige Schule nach Corona stattfinden, die grundsätzlicher diskutiert und die Digitalisierung mit Inhalten verbindet. Das aktuelle, 2004 in Kraft getretene Schulgesetz, beinhaltet ein zentrales Element, nämlich die Stärkung der Teilhabe von Lehrkräften, Eltern und von Schule insgesamt, Stichwort: Eigenständige Schule. Die Schulbehörden müssten ihrer zentralen Aufgabe tatsächlich nachkommen, nämlich die Schulen „in ihrer Eigenständigkeit und Eigenverantwortung zu unterstützen“, wie es im Schulgesetz heißt. Davon kann nämlich in der Praxis kaum die Rede sein.

Hierzu wäre eine Entschlackung der schulischen Gremien und Funktionsträger von Verwaltungsaufgaben nötig. Und: Ein Umdenken in den verschiedenen Schulbehörden, nämlich eine veränderte Einstellung zu den eigenen Aufgaben, indem Schulträger und Schulaufsicht sich selbst als Dienstleister für die Schule verstehen und ein Wegkommen vom Misstrauen hin zum Zutrauen in die Kompetenzen der Einzelschule.

Schulen müssten in einem vernünftigen und zu bewältigenden Rhythmus, z. B. alle sechs Jahre, eine Schulcharta vorlegen, bzw. überarbeiten, die schulspezifische Ziele, Aktionsschritte und Evaluationen einem Gremium vorlegt. Die bisher üblichen Schulprogramme, Zielvereinbarungen und Schulinspektionen würden damit abgelöst. Das erwähnte spezielle Gremium kann z.B. als ein externes Institut in allererster Linie digital prüfen und nur zu einer Bewertung in der Schule erscheinen. Die Bewertung der Schule würde nach fachlichen und politisch festzulegenden Kriterien erfolgen. Daraus sind von Schule und Schulbehörde Schlussfolgerungen zu ziehen und öffentlich zu belegen.

In dieser umstrukturierten Schullandschaft müsste auch die Rolle der Schulaufsicht neu definiert werden. Bei einem echten Paradigmenwechsel kann die regionale Schulaufsicht wesentlich verkleinert und mit wenigen Schulrechtsspezialisten besetzt werden, die in kniffeligen Rechtsfragen kompetent beraten oder eingreifen können.

Mit einer wirklichen eigenständigen Schule in einem neuen Evaluationskontext hätten wir praktisch zwangsläufig eine Schule, die viel mehr als zurzeit an den Interessen und Bedürfnissen der Schüler/innen anknüpft und die Kompetenzen der Bildungsfachleute (Lehrkräfte) deutlicher mit einbezieht.

Wenn die Schulentwicklung wirklich ernsthaft in die Hände der Einzelschule gelegt wird, müssen auch die Möglichkeiten der Fortbildungen für das Schulpersonal in den Blick genommen werden. Der vor einigen Jahren dafür entwickelte Verfügungsfonds wird derzeit immer mehr aufgeweicht, statt ihn aufzuwerten und noch besser auszustatten. Inzwischen werden nämlich die Schulen zur Übernahme anderer Aufgaben gezwungen, z.B. neben der Finanzierung von kleinen Instandsetzungsarbeiten auch Schulmöbel davon zu kaufen. Auf diese Art wird inhaltliche Schulentwicklung ad absurdum geführt.

Generell ist natürlich zu überlegen, innerhalb welcher Rahmenbedingungen Schulen ihre oben erwähnte Schulcharta anfertigen. Hierfür wäre ein reformiertes Schulgesetz sinnvoll. Natürlich nicht nur dieses, denn ein wichtiges Zukunftszeichen wird die künftige Personalpolitik – Stichwort Verbeamtung – sein.

Zukunft der Bildung

In meinem Blog geht es sowohl um allgemeine Anregungen zur Diskussion als auch konkrete Überlegungen zur Verbesserung der Bildungssituation, speziell im Bereich ‚Schule‘. Ich spiegel hier Erfahrungen aus meiner langjährigen Tätigkeit als Schulleiter und Coach in Berlin wider, sodass einige Äußerungen im Kontext der besonderen Berliner Situation zu betrachten sind.

J. Syska/ September 2020

                                                                                 

Einige grundsätzliche Überlegungen zur zukünftigen Pädagogik an unserer Grundschule in einer sich ändernden Arbeitswelt – Eine Diskussionsanregung ( November 2018)

Die ohne Zweifel großen Anstrengungen zur Bewältigung des Tagtäglichen dürfen nicht dazu führen, dass wir Pädagog/innen den steten Wandel in unserer Gesellschaft und in der Arbeitswelt aus den Augen verlieren.

Ich will hier nicht auf die politisch-gesellschaftlichen Entwicklungen eingehen, obwohl es dazu auch einiges zu überlegen, zu überprüfen und zu sagen gäbe. Ich habe aber das Gefühl, dass wir die auf dieses Feld bezogenen Prozesse im Blick haben und auch reagieren.

Auf die zukünftige Arbeitswelt – sofern man das überhaupt von gesellschaftlichen Prozessen trennen kann, aber ich mache es einfach mal – und die daraus resultierende Pädagogik bezogen, trifft dieses „ im-Blick-haben“ aus meiner Sicht nicht zu! Möglicherweise deshalb, weil wir als Grundschule uns zuallererst mit den erzieherischen und bildungstechnischen Basics beschäftigen.

Ich will im Folgenden einige Änderungen in einer globalisierten, digitalisierten und sich im demografischen Wandel befindlichen Welt aufzählen, ohne dass ich den Anspruch auf Vollständigkeit erhebe und ohne damit sagen zu wollen, dass wir auf den Gebieten noch gar nicht tätig wären. Danach gehe ich auf pädagogisch-erzieherische Zielsetzungen ein, die evtl. neu justiert oder gar in eine andere Prioritätenfolge gebracht werden müssten.

  1. Die meisten Arbeiten mit hohem Routineanteil werden im Zuge der Weiterent-wicklung der künstlichen Intelligenz (KI) wegfallen. Schon heute besitzt in der Industrie die Autoproduktion den höchsten Anteil an Arbeiten, die Roboter durchführen. Aber selbst Ein-oder Zwei-Mann-Betriebe, zum Beispiel im Bereich der Werkzeugmacher, besitzen schon sein vielen Jahre numerisch gesteuerte Fertigungs-maschinen. Eine amerikanische Studie will herausgefunden haben, dass 47% der amerikanischen Jobs durch Digitalisierung und Computerisierung wegfallen könnten! (Frey/Osborne 2013)
  2. Kaum ein Bereich wird von der Digitalisierung ausgeschlossen bleiben, am ehesten noch Coaching-/Beratungs- und Altenpflegeberufe. Außerdem bestimmte Reparatur-berufe, z.B. Gas-Wasser-Installateure. Der Beruf „Bergmann“ stirbt definitiv aus!
  3. Die Vorstellung, operative, invasive Eingriffe am menschlichen Körper durch Roboter durchgeführt zu bekommen, verschafft manchem vielleicht Schüttelfrost, steht aber vor der Realisierung. Schon heute ist der Roboter OP-Mitglied im Ärzteteam!
  4. Viele vermeintlich „einfache“ Tätigkeiten, wie alle Arten von Reinigung, Autofahren (!!), Dienstleistungen an Schaltern werden mehr und mehr zugunsten von Robotern, Berater/innen per Telefon, die ganz woanders auf der Welt sitzen, intelligente Sprachcomputer oder der Möglichkeit, selbst digital einen Ausweis, eine Heiratsurkunde etc. zu beantragen, wegfallen. Mancher wird die kleinen, lustigen Geschichtchen über die Staubsaugroboter aus China im Haushalt gehört haben!

Das beschrieben Szenario muss einem nicht gefallen, es werde aber so kommen, sagen viele Zukunftsforscher und der gesunde Menschenverstand! Die Diskussion um die Industrie 4.0 haben wir am Rande mitverfolgt, vermute ich. (Unter Industrie 4.0 ist die intelligente Vernetzung von Menschen, Maschinen, Objekten und Informations- und Kommunikationssystemen zu verstehen). Aber, wie schon ausgeführt, werden die Veränderungen vor kaum einem Berufsfeld haltmachen. Die heutige Lehrergeneration muss Kinder auf deren Zukunft in 15/20 Jahren vorbereiten, in der die Tätigkeiten zur bezahlten Erwerbsarbeit also ganz anders aussehen als heute. Welche neuen Berufe entstehen, weiß man noch gar nicht im Detail. Manche sagen, u.a. auch die OECD, dass es sogar mehr als heute sein werden. Die Erwerbsarbeit wird also nicht ausgehen, aber eben ganz anders werden! Ist sich die aktuelle Pädagog/innengeneration dessen bewusst? Wenn ja, auch bereit pädagogisch zu agieren?

Schon vor 15 Jahren wurden von der OECD Schlüsselqualifikationen für eine zukunftsfähige Bildungsarbeit identifiziert. Darauf wird m.E. zu wenig oder zu verzagt eingegangen. So wird in unseren vor zwei Jahren aktualisierten RLP auf die oben gerade beschriebenen Entwicklungen nicht direkt genug eingegangen. Gehen wir in unseren SchiC’s darauf ein? Wenn ja, reicht das? Wo können, bzw. müssen wir schärfen oder gar umsteuern?

  1. Im allgemeinen Teil der Berliner Rahmenlehrpläne (RLP) wird von „lebenslangem Lernen“ gesprochen. Was ja eigentlich eine Binse ist, denn die Inhalte, die ich vor beinahe 50 Jahren an meinem humanistischem Wirtschaftsgymnasium gelernt habe, sind doch nur noch teilweise zu gebrauchen. Die Inhalte sind es in Zukunft nicht mehr, sie ändern sich zu schnell, es sind eher Haltungen, die vermittelt gehören, um in der Zukunft zu bestehen!
  2. Zum Beispiel wäre „Neugier“ als Haltung eine Zielsetzung. Wie macht man das aber pädagogisch? (Jared Diamond, ein US-Autor, der die Gründe untersucht hat, weshalb manche Gesellschaft in der Historie überlebten, andere nicht, hat als einen Überlebensgrund „Neugier“ identifiziert. Ein anderer ist übrigens Geburtenkontrolle).
  3. In der Zukunft werden Arbeitsstellen und Arbeiten wohl nicht mehr auf Lebenszeit vergeben. Das zeichnet sich schon heute in empirisch beobachtbaren Trends deutlich ab. Ähnliches lässt sich bei den Arbeitsverhältnissen beobachten. In Zukunft ist man evtl. noch viel häufiger als heute mal eine Zeit lang selbstständig, dann wieder auf Projekt- oder Zeitbasis beschäftigt. Das bedeutet hohe persönliche und berufliche Flexibilität. Wie kann man diese erzeugen? Will man es überhaupt?
  4. Anstrengungsbereitschaft und Verlässlichkeit, sowie Kommunikationsfähigkeit und Teamarbeitsbereitschaft mit Menschen komplett unterschiedlicher Herkünfte (die Migration wird schon aufgrund der demografischen Entwicklung zunehmen MÜSSEN!) werden Schlüsselqualifikationen für beruflichen Erfolg unserer jetzigen Grundschulkinder sein! Dabei spielt ja schon jetzt das sichere Handling mit den modernen Kommunikationsmitteln eine große Rolle!
  5. Im Zusammenhang mit den gerade genannten Punkten werden Wahrnehmung, Empathie und Kreativität als Problemlösekompetenz eine sehr große Rolle spielen. Vermutlich dann zu den gut bezahlten Tätigkeiten zählen, wenn auch noch die zentrale Fähigkeit hinzukommt, nämlich die in Punkt 4 und 5 genannten verschiedenen Bereiche miteinander zielführend zu VERKNÜPFEN! Welche Pädagogik mit welchen Mitteln ist in dieser Hinsicht zielführend? Welche Erfahrungen liegen schon vor?

Viele Fragen – einige mögliche Antworten!